Die frühen Jahre


Kindheit, Jugend und Flucht nach Europa

In Südnigeria wuchs ich unter schwierigen Verhältnissen auf. Mein Vater hatte vier Frauen und so viele Kinder, dass ich mich gar nicht mehr an die genaue Zahl erinnern kann. Ich verstand früh, dass mein Vater mich nicht liebte, denn er gab mir lange Zeit keinen Namen. Auch ansonsten sorgte er nicht gut für unsere Familie: Er war gewalttätig und übernahm, obwohl er viel Geld hatte, nicht die Kosten für unsere Schulausbildung. Meine Mutter musste mich und meine neun Geschwister alleine durchbringen. Schließlich gab mein Vater mir doch einen Namen – einen Namen, mit dem ich in der Schule gehänselt und geärgert wurde. Ich lernte damals, mich selbst zu behaupten – mit meinen Fäusten. Als Ersatz für die fehlende Aufmerksamkeit, die mir auch meine Mutter nicht geben konnte, fand ich das Boxen und das Singen im Kirchenchor. Beides gab mir schon damals Kraft und Zuversicht.

Lagos: Beginn einer langen Reise

Ich betrachtete die Dinge, die in meiner Familie vor sich gingen, und die Möglichkeiten, die der Ort, an dem ich lebte, mir zu dieser Zeit bot: Meine Träume hatten keinen Platz in Nigeria. Also ergriff ich die erste Gelegenheit, zu meiner Schwester nach Lagos zu reisen, die sich dort um meine älteren Brüder kümmerte, die ihr Studium beendet hatten, aber keinen Job fanden. Meine Schwester brachte uns alle durch mit dem bisschen Geld, das sie verdiente. Da wir die Kosten für die normale Schule nicht tragen konnten, ging ich zur islamischen Schule. Der Unterricht am Awaru Islamic College begann erst am späten Nachmittag, so dass ich die erste Tageshälfte meistens im „Gym“ verbrachte. Der Ort, den wir „Gym“ nannten, war unter einer Brücke im Surulere-Viertel direkt gegenüber vom National-Stadion. Ich wohnte damals in Iyanopaja, also am anderen Ende der Stadt. Ich musste um 5 Uhr aufstehen, um rechtzeitig im Gym zu sein.

Auf ins Land der weißen Männer

Die meisten meiner Freunde damals im Gym wollten nach Europa – außer, sie wollten Priester werden. Irgendwann hatte auch ich den Wunsch, ins „White Man Land“, wie wir es nannten, auszuwandern. Also zog ich eines Tages los, über Ägypten und in die Türkei, dann nach Israel und Griechenland. Illegale Grenzwechsel und gefährliche Fahrten über das Meer, prekäre Lebens- und Arbeitssituationen, Gefängnis und Obdachlosigkeit prägten mein Leben. Ich habe in kalten, windigen Nächten auf den Straßen von Istanbul geschlafen. Später wurde ich in den Bergen Griechenlands auf der Insel Kalimos ins Gefängnis geschickt.

Boxen als Rettungsanker

Während meiner Haft kam eines Tages ein Polizist zu mir und fragte, wer ich sei. Ich hörte auf mein Herz, nahm all meinen Mut zusammen und sagte ihm, ich sei ein junger, aufstrebender Boxer und auf dem Weg nach Europa, um meine Profikarriere zu starten. Das war mein Ticket in die Freiheit, denn dieser Mann war ein großer Box-Fan und hatte selbst auch schonmal geboxt. Anscheinend sah er etwas in mir: Er gab mir Papiere und schickte mich zu seinem Freund Mike Palapanis, der als Boxtrainer auf der Insel Kos lebte. Mike nahm mich nicht nur in sein Studio, sondern auch in seine Familie auf: Er behandelte mich wie einen Sohn. Später schickte er mich zu einem Trainerkollegen nach Athen, wo meine Erwartungen allerdings nicht erfüllt wurden. Also reiste ich über Italien nach Belgien und schließlich nach Holland, wo ich zunächst auf einem Bauernhof schlief. Aber ich hatte Glück und traf nach ein paar Tagen jemanden, der mich für kleines Geld unterbrachte und durch den ich das Boxstudio Albert Cuyp in Amsterdam kennenlernte. Ein paar Monate später war ich niederländischer Jugendmeister im Boxen.

Am Tag danach verlangte mein Vermieter mehr Geld – ich sei ja schließlich nun ein Champion. Ich hatte aber nicht mehr Geld, also setzte er mich vor die Tür. Also war ich wieder auf der Straße. Über das Boxstudio bekam ich einen unbeheizten Wohnwagen, in dem ich schlafen konnte. Es war Winter und bitterkalt.